Leseprobe - Wir träumten vom Fliegen

»Na, wo wollt ihr denn schon wieder hin?«
Die beiden Jungen zuckten zusammen und verlangsamten widerwillig ihre Schritte. Schicksalsergeben drehten sie sich um und blickten in das wettergegerbte grinsende Gesicht eines jungen Mannes.
Jetzt verschränkte er seine kräftigen Arme und genoss sichtlich den Triumph, älter zu sein und mehr zu wissen als sie. »Sicher wollt ihr wieder auf die Wiesen hinaus und Vöglein spielen, nicht wahr?« Er grinste noch breiter und bewegte dabei seine Arme, als ob es Flügel wären.
Die Jungen starrten ihn finster an.
»Oh, ich will euch nicht aufhalten«, der Mann hob beschwichtigend die Hände, »aber ich will euch noch eins mit auf den Weg geben: Wenn ihr glaubt, jemals fliegen zu können, dann muss ich euch leider enttäuschen. Noch kein einziges menschliches Wesen hat es je geschafft. Merkt euch das. Lasst es besser bleiben, ihr würdet euch sowieso nur eure kleinen Ärmchen an der Sonne verbrennen.«
»Diesen Rat haben Sie uns gestern auch schon gegeben«, erwiderte Otto, der ältere Junge. »Und den Tag davor auch. Eigentlich jeden Tag, wenn ich mich recht erinnere.«
»Und ich hoffe, dass es auch eines Tages bei dir ankommt!« Der Mann tippte ihm gegen die Stirn. »Ist es heute vielleicht soweit?«
Otto atmete tief durch. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte, sich auf eine Diskussion einzulassen. »Wir sind auf dem Weg nach Hause«, sagte er daher wahrheitsgemäß. »Außerdem haben wir versprochen, pünktlich zu sein.«
»Oh, ihr wart in der Schule, was? Macht Spaß, nicht wahr? Oh ja, ich erinnere mich noch gut dran, musste immer sitzen bleiben. Aber ich brauch euch sicher nicht zu erzählen, wie es ist, sich nicht mehr nach Hause zu trauen. Immer diese Angst, Ärger zu kriegen … Meine jüngeren Geschwister kommen deswegen nicht vor Sonnenuntergang zurück. Genau wie ich damals.« Er brüllte vor Lachen und trat noch einen Schritt näher. Mit einer raschen Handbewegung fuhr er dem kleineren Jungen durch das braune Haar. »Aber die Brüder Lilienthal sind bestimmt nicht so verschroben wie meine Verwandten. Die haben bestimmt richtig gute Noten, oder? Also mindestens eine Fünf. Höchstens aber eine Vier.«
»Genau, Herr Theodor«, erwiderte Otto so würdevoll, wie es nur ging. »Wenn Sie uns nun entschuldigen würden … Wir haben es wie gesagt eilig.«
»Oh, ich hab‘s aber nicht eilig, ganz und gar nicht«, sagte der Mann im Plauderton. »Es ist doch immer nett, sich mit der Dorfjugend zu unterhalten.«
»Sie wollen sich doch nicht mit uns unterhalten, sondern uns nur auf den rechten Weg bringen«, stellte Otto fest.
»Und frech ist er auch noch!« Theodor grinste wieder. »Wenn jemand auf die Idee kommt, den armen Vöglein den Himmel streitig zu machen … Nein, da kann ich doch nicht zuschauen. Aber na gut, dann darf ich euch wohl nicht länger aufhalten. Lebt wohl, die träumenden Herren Lilienthal, wir sehen uns ja bestimmt bald wieder.«
»Das wird sich zeigen, Herr Theodor.«
Der Kleinere, Gustav, ballte in ohnmächtiger Wut die Hand zur Faust.
»Komm schon«, raunte Otto ihm zu und schob ihn die Straße entlang.
Sie waren erst ein paar Schritte gegangen, als dem Mann noch etwas einfiel: »Hört mal, Kinderchen!«, rief er ihnen hinterher. »Also erstens: Nennt mich nie wieder Theodor. Ich bin der Tischler. Ich bin sogar besser als mein Vater und der war schon vor zig Jahren als Tischler bekannt. Merkt euch das. Und zweitens«, er musste seine Rede unterbrechen, weil er einen Lachanfall bekam, »werdet ihr nie fliegen können! Und jetzt schert euch wohin auch immer.«
Otto und Gustav Lilienthal nahmen die Beine in die Hand und liefen so schnell sie nur konnten. Erst als sie sicher waren, dass der Tischler sie nicht verfolgte, blieben sie heftig atmend stehen.
»Warum tut er das?«, rief Gustav aufgebracht. »Warum muss er uns immer auflauern und uns das Leben zur Hölle machen? Soll er sich doch um seine eigenen Angelegenheiten kümmern!«
»Ich schätze, es macht ihm Spaß«, meinte Otto grimmig. »Aber lass sie doch alle reden. Sie reden sowieso, daran kannst du nichts ändern. Außerdem haben wir viel Wichtigeres vor.«
Gustav seufzte. »Manchmal weiß ich nicht, ob es das wirklich wert ist.«
»Aber natürlich ist es das!«, rief Otto. »Kein anderer hat es vor uns gemacht. Keiner hier ist auf die Idee gekommen zu fliegen, sie haben einfach keine Fantasie. Deswegen will er es uns doch auch ausreden. Aber glaub mir: Eines Tages wird jeder Mensch fliegen können.«
»Müssen wir uns bis dahin wirklich von allen verspotten lassen?«
Otto lehnte sich erschöpft gegen eine Hauswand und schaute zum Himmel hinauf. Eine Schar Störche flog gerade über Anklam hinweg.
»Schau nur, sie können fliegen«, sagte er zu seinem Bruder. »Dann können wir es auch. Vielleicht nicht heute, aber vielleicht morgen. Oder nächste Woche oder meinetwegen auch erst in ein paar Jahren. Aber eines Tages ganz sicher. Und keiner kann uns daran hindern, erst recht nicht dieser nervige Tischler! Der wird sich noch wundern.«
Gustav schwieg.
»Wir dürfen es uns nur nicht ausreden lassen«, fuhr Otto fort. »Wenn er irgendwann selbst fliegt, wird er auf den Knien vor uns rutschen und uns um Verzeihung bitten.«
Jetzt grinste Gustav schwach. »Glaubst du das wirklich?«
»Nein.« Otto schüttelte lachend den Kopf. »Aber du wirst schon sehen … So wie sie uns heute verspotten, werden sie uns irgendwann feiern.«
Gustav schaute seinen großen Bruder dankbar an. »Dann ist es wohl am besten, wenn wir gleich weiter üben. Vielleicht werden wir heute ja wirklich fliegen.«
»Darauf kannst du Gift nehmen!«
Sie liefen wieder los und der Tischler war längst vergessen, als sie wenig später auf dem kleinen Hügel hinter Anklam standen. Erwartungsvoll schauten sie zum Himmel hinauf.
Sie brauchten nicht lange zu warten. Kaum trug Otto das seltsame Gestell, das sie mitgebracht hatten und das wie Vogelschwingen aussah, blies auch schon ein leichter Wind über die Landschaft. In stiller Erwartung standen die beiden Kinder da, betrachteten das bebende Gras und hielten den Atem an.
Da begann Otto zu laufen und streckte die Arme so aus, wie er es bei den Vögeln beobachtet hatte. Der letzte Gedanke an den Tischler war verflogen, jetzt galt es nur noch abzuheben.
Doch egal wie schnell er lief – ob gegen den Wind oder mit dem Wind –, es blieb immer dasselbe: Der Boden haftete an seinen Füßen und ließ ihn nicht mal für einen Augenblick los. Es war frustrierend. Jedes Mal, wenn Otto wieder den Hügel hinaufging, wurden die Zweifel größer. Wie oft hatten sie schon versucht, zu fliegen, wie oft Skizzen von Flügeln gezeichnet und den Störchen zugesehen … War am Ende alles umsonst? Sollte der Tischler etwa recht behalten? In diesem Augenblick wollte es ihm nicht gelingen, so zuversichtlich zu sein wie sonst.
»Eines Tages wird es klappen.« Gustav strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn und nickte bekräftigend. »Eines Tages werden wir fliegen können, es ist nur eine Frage der Zeit. Das sagst du doch selber immer.«
Otto betrachtete seinen kleinen Bruder. »Ich hoffe, du hast recht«, murmelte er. »Eines Tages werden wir es wissen. Irgendwas machen wir falsch, aber das werde ich schon noch herausfinden. Komm, lass uns jetzt nach Hause gehen.«
Otto schnallte das Fluggerät ab, klappte die beiden Flügel zusammen und zu zweit machten sie sich auf den Heimweg.
Sie sahen den kleinen Feldlerchen zu, die zwitschernd durch die Luft flogen und betrachteten die Störche, die in den sumpfigen Wiesen umherstolzierten. Sie alle kannten das Geheimnis vom Fliegen. Doch die Brüder Lilienthal mussten es selbst herausfinden, genau wie die jungen Vögel, wenn sie am Nestrand saßen und zum ersten Mal fliegen wollten. Noch ahnten Gustav und Otto nicht, wie viele Jahre vergehen sollten, bis sie die Welt wirklich von oben sehen durften.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0